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Ausstellung "Unterwegs"

Frau Dr. Gabriele Holst

Ich habe Brigitte Städler in ihrem Atelier kennengelernt, vor einigen Jahren noch in einem Hinterhof in Schöneberg mit Bollerofen, der in der kalten Jahreszeit eine Wohltat für den Rücken war, inzwischen befindet sich das Atelier im Bezirk Prenzlauer Berg mit Heizkörper.
Die Webkurse (und sicher auch ihre weiteren Angebote) sind von einem großen Reiz und einer großen Bereicherung, was vor allen Dingen und ganz sicher mit der Künstlerin und Handweberin selbst zusammenhängt.
Da ist zuerst einmal die Handweberin zu nennen, die ihr Handwerk „von der Pike auf“ gelernt hat. Sie kennt die Griffe und Kniffe des Weberhandwerkes, aber auch die Tücken der Materialien. Wenn Sie liebe Gäste einmal die Gelegenheit haben, in die Hefte mit Web-Impressionen von Brigitte Städler zu schauen, werden sie begeistert sein, über die feinen und präzisen Arbeiten, über die Farbzusammenstellungen und das Repertoire an Techniken.
Diese Handwerklichkeit wurde uns Webbeginner_innen darüber hinaus auch an einem wunderbaren Stück gezeigt, welches der Großvater (oder gar der Urgroßvater) zu preußischen Zeiten für hochherrschaftliche Tafeln gewebt hatte. Auch die Tradition ist im Werk von Brigitte Städler eine wichtige Komponente.
Dann gibt es da noch die „Lehrerin“. Ein Wort, welches so gar nicht zu Brigitte Städler passen will. Obwohl wir und viele andere sehr viel von ihr gelernt haben, so ist sie für mich nie als eine „Lehrerin“ in Erscheinung getreten, eher eine Beraterin, als diejenige, die einfach da ist, wenn wir Hilfe oder Zuspruch benötigt haben. Das Schönste und Beste daran:
an unseren vermeintlichen Fehlern ( schon wieder eingewebt, Faden gerissen, Kreis doch nicht so hinbekommen, wie gewünscht … sieht ja eher aus wie ein plattgedrücktes Ei ... und diese Farben wollen doch nicht passen, wie wir dachten …), also an diesen Unvollkommenheiten hat unsere Meisterin großes Gefallen gefunden. „Schau, was daraus werden kann!“
Und hier kommt vor allem die Künstlerin zum Zuge:
den Zufall, das Unvorhergesehene überhaupt als neue Möglichkeit und nicht als Fiasko zu bemerken, zu beachten und darauf einzugehen, ist eine außerordentliche Stärke von Brigitte Städler, was meines Erachtens zur Qualität ihrer Arbeiten (neben der gekonnten und präzisen Handwerklichkeit) entscheidend beiträgt. Diese Auseinandersetzung ist zusätzlich mit einer Innigkeit in den Werken verarbeitet (man könnte auch sagen verwoben), wie man es nicht so häufig antrifft.

Brigitte Städler hat uns auf unterschiedlichste Ausstellungen aufmerksam gemacht, was wir gern angenommen haben. Ich werde unseren gemeinsamen Besuch durch Galerien in Mitte oder die Zugfahrt nach Hannover zu einer tollen Ausstellung (die ein sehr breites Spektrum des Webens zeigte) nicht vergessen. Und natürlich unvergessen der Weberinnenausflug in den verwunschenen Pfarrgarten nach Saxdorf, der einer riesigen Patchworkdecke gleicht.
Ihr Geist und ihre Seele sind weit und offen! So ist die Werkstatt auch deshalb ein wunderbarer Ort (vielleicht sogar ein wundersamer), weil wir daran teilnehmen durften, wie sich jedes Mal kleine und größere Veränderungen vollzogen.

In ihrem Atelier ist die Künstlerin mit den Dingen, den Gedanken, den Stimmungen, die sie auf ihren Wegen gesammelt und erfahren hat, erneut unterwegs. Mit dem Unterwegssein ist für Brigitte Städler die körperliche genauso wichtig wie die geistige Bewegung. Der Dialog zwischen bewegt werden und selbst etwas bewegen ist wohl der Kern der schöpferischen Arbeit.
Im Unterwegs ist das Ankommen schon auch angelegt, aber man weiß nicht sicher, wie und wann das genau sein wird. Ein großer Luxus, aber auch harte Arbeit, ehe das Ergebnis stimmt.

Die Fäden werden Linien, die sich aus dem gewohnten Zusammenklang von Kette und Schuss herauslösen bzw. herausgelöst werden, neue Materialien stoßen dazu und die Handwerklichkeit der Weberei wird aus ihren praktischen Momenten zu ganz neuen Augenblicken entwickelt.
Besonders das Zarte, das Feine, vielleicht auch das Unscheinbare wird neu in den Blick genommen und erhält in neuer Gestalt eine neue Deutung. (Brigitte Städler verwahrt auch kleine Fadenreste, Schnipsel. Ich habe Hilfsfäden, die ich abgeschnitten und zuerst achtlos in den Mülleimer geworfen hatte, auf dem Tisch als kleines Knäul liegen gelassen. Vielleicht war es beim nächsten Mal etwas anderes geworden …) Die Fadenlinien spielen, öffnen und verlieren sich, erzeugen Bewegungen.
Momente von Vollkommenheit sind kurz zu bemerken, um sich aber gleich wieder auf neue Wege zu machen.

Die gemeinsame Zeit im Atelier über unseren Arbeiten und die Rahmen gebeugt ging einerseits jedes Mal schnell vorbei. Aber andererseits hat mich diese gemeinsame Zeit auch an eine Erkenntnis eines Philosophen erinnert, der sagte, dass die mit Menschen gemeinsam verbrachte und geteilte Zeit auch zu einer Vermehrung von Lebenszeit werden kann.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns eine anregende, bewegte Zeit mit den Werken von Brigitte Städler.